Filme über die Rote Armee Fraktion neigen häufig dazu, das Spektakel der Straße in den Vordergrund zu rücken: Verfolgungsjagden, Banküberfälle, Fahndungsfotos und der bleierne Nebel der 1970er-Jahre. Mit seinem Dokudrama „Stammheim – Zeit des RAF-Terrors“ schlägt Regisseur Niki Stein einen radikal intimeren und weitaus beklemmenderen Weg ein. Er verlegt das Zentrum der Erzählung fast vollständig dorthin, wo der Mythos der ersten Generation endgültig zerbrach: in den hermetisch abgeriegelten Hochsicherheitstrakt der JVA Stuttgart-Stammheim.
Das Ergebnis ist ein packendes, klaustrophobisches Zeitdokument, das sich durch seine akribische Nähe zur historischen Realität wohltuend von gängigen Klischees abhebt.
Die Echtheit des Materials: Wenn Spielszenen auf Archivbilder treffen
Die große Stärke von Steins Inszenierung liegt in der konsequenten Verbindung von szenischem Reenactment und originalem Archivmaterial. Gestützt auf Tonbandaufnahmen, Briefe, behördliche Vermerke und Verhandlungsprotokolle rekonstruiert der Film die Haftzeit der vier RAF-Spitzen Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und Jan-Carl Raspe.
Das Archivmaterial fungiert dabei nicht als bloßes Beiwerk, sondern bricht immer wieder direkt in den szenischen Ablauf ein. Diese Schnitttechnik erzeugt eine bemerkenswerte Fallhöhe: Sie entreißt die Figuren dem Raum filmischer Fiktion und konfrontiert die Zuschauenden unerbittlich mit den realen Gesichtern, Stimmen und der eisigen Kälte jener Jahre. Man begreift sehr schnell, dass hier keine stilisierten Rebellen agieren, sondern reale Menschen, die sich in einer selbst gewählten, radikalen Sackgasse verrannt haben.
Der Mikrokosmos Zelle: Gegenseitiges Ausspielen und paranoide Dynamik
Was das Dokudrama schauspielerisch wie psychologisch so sehenswert macht, ist der Blick auf das Innenleben der Gruppe. Von der viel beschworenen, unerschütterlichen Kollektivität der RAF bleibt hinter den Mauern von Stammheim wenig übrig. Stein arbeitet präzise heraus, wie die vier Gefangenen beginnen, sich gegenseitig zu belauern, zu manipulieren und gegeneinander auszuspielen.
Besonders die zunehmende Entfremdung und psychische Zermürbung von Ulrike Meinhof im Spannungsfeld zwischen Baaders dominanter Aggressivität und Ensslins ideologischer Schärfe geht unter die Haut. Stammheim wird zu einem psychologischen Versuchsfeld unter Laborbedingungen: Überwacht von zahllosen Beamten, isoliert von der Außenwelt und dennoch besessen von dem Gedanken, selbst aus den Zellen heraus die Fäden des bewaffneten Kampfes und des späteren Prozesses zu ziehen. Die bunkerartige Enge, die massive Präsenz der Justizwachtmeister und die permanente Paranoia sind in jeder Szene förmlich mit Händen zu greifen.
Die Todesnacht von Stammheim als nüchterner Schlusspunkt (Achtung: Spoiler)
Das Dokudrama steuert unweigerlich auf den traurigen Kulminationspunkt des Deutschen Herbstes zu: die dramatischen Ereignisse rund um die Schleyer-Entführung, die Flugzeugentführung von Mogadischu und schließlich die Todesnacht vom 18. Oktober 1977.
Niki Stein inszeniert das Ende – den Suizid von Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe sowie die schwere Verletzung von Irmgard Möller – ohne verschwörungstheoretische Verklärungen. Gestützt auf die forensischen und historischen Befunde dokumentiert der Film das Geschehen nüchtern, detailgenau und gerade deshalb so erschütternd. Es ist der finale Kollaps einer fatalen Ideologie, die sich am Ende nur noch selbst zerstören konnte.
Mein Fazit: „Stammheim – Zeit des RAF-Terrors“ ist Geschichtsvermittlung auf höchstem Niveau. Durch den Verzicht auf reißerische Action und die Fokussierung auf Verhörprotokolle, Gruppendynamik und Originalquellen gelingt Niki Stein eine beklemmende Dekonstruktion des RAF-Mythos. Ein Pflichtprogramm für alle, die verstehen wollen, wie der „Höhepunkt“ und gleichzeitige Untergang der ersten Generation hinter Gittern wirklich aussah.
Persönliche Anmerkung: Die ARD stellt zu dem Film eine Begleit-Doku zur Verfügung, die etwa 30 Minuten lang ist - schaut sie an. Wir kennen alle die großen Namen, aber in der Doku geht es um die Opfer, die wir nicht im Fokus haben und was das für die Familien der Opfer bedeutet. Das wird bei der RAF sehr oft vernachlässigt, daher diese Bitte an euch.
Jetzt seid ihr gefragt: Habt ihr das Dokudrama von Niki Stein gesehen? Wie wirkt diese Mischung aus Archivmaterial und Kammerspiel auf euch – und konntet ihr die Dynamik innerhalb der Gruppe nachvollziehen? Lasst uns in den Kommentaren sachlich und historisch reflektiert darüber sprechen!
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🎬 Filmdaten
Titel: Stammheim – Zeit des RAF-Terrors (2024)
Regie & Buch: Niki Stein
Format: Dokudrama / Dokumentarspielfilm mit Archivmaterial und Reenactment
Themenschwerpunkt: Die Haftzeit von Baader, Ensslin, Meinhof und Raspe in der JVA Stuttgart-Stammheim bis zur Todesnacht 1977
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Titelbild: Bildrecht bei der ARD



