Der stolze König: Meine erste Begegnung mit Manfred Krug
Meine erste bewusste Erinnerung an Manfred Krug führt nicht in den Gerichtssaal von Liebling Kreuzberg oder auf den Hamburger Tatort-Kiez, sondern in die Zauberwelt der DEFA-Märchen. In Walter Becks Klassiker König Drosselbart (1965) verkörperte er den stolzen, listigen König, der sich als Bettler verkleidet, um die hochmütige Prinzessin zu kurieren.
Schon damals besaß Krug diese unverwechselbare Präsenz: hochgewachsen, viril, mit einem blitzenden Spott in den Augen, der die klassische Märchenfigur mit einer modernen, fast jazzigen Lässigkeit auflud. Krug spielte seine Rollen nie einfach – er bewohnte sie mit Haut und Haaren.
Zwischen Zensur und Zivilcourage: „Spur der Steine“ und der Wendepunkt Biermann
Genau diese rotzige Direktheit machte ihn in den 1960er-Jahren zum absoluten Publikumsliebling im Osten. Als Brigadier Hannes Balla in Frank Beyers Spur der Steine (1966) schuf er ein Denkmal für unangepasste Arbeiter: lässig mit Schiebermütze, hemdsärmelig, parteikritisch und stolz. Dass dieser Film nach nur wenigen Vorführungen von den SED-Kulturfunktionären verboten und im Giftschrank weggesperrt wurde, war der erste schwere Riss in seiner Beziehung zum Staat.
Doch der entscheidende Bruch folgte zehn Jahre später – im November 1976. Als der Liedermacher Wolf Biermann nach einem Konzert in Köln aus der DDR ausgebürgert wurde, schwieg Krug nicht. Während die Staatsmacht Gehorsam erwartete, organisierte Krug maßgeblich den Protest der Künstler:
Die Petition der Zwölf: Gemeinsam mit Schriftstellern wie Stephan Hermlin, Christa Wolf und Heiner Müller verfasste er den offenen Brief an die Staatsführung mit der Bitte, die Maßnahme zu überdenken.
Tonbandaufnahmen im Wohnzimmer: Krug ging noch weiter. Bei den konspirativen Krisengesprächen der DDR-Künstlersekte und den Verhör-Meetings mit SED-Funktionären in seiner Wohnung schnitt er die Dialoge heimlich auf Tonband mit – historische Dokumente, die er Jahre später in seinem autobiografischen Bestseller Abgehauen schonungslos offenlegte.
Das kalte Berufsverbot: Die Stasi setzte ihn unter Dauerüberwachung, Konzerte und Dreharbeiten wurden storniert. Krug ließ sich nicht brechen, stellte den Ausreiseantrag und verließ im Sommer 1977 die DDR. Ein Verlust, von dem sich die ostdeutsche Film- und Musikszene nie wieder erholte.
Der Musiker und der Chronist: Groove und ungeschminkte Notizen
Neben dem Schauspieler war Manfred Krug immer ein begnadeter Musiker. Seine Jazz-Aufnahmen mit Günther Fischer gehören zum Besten und Zeitlosesten, was deutsche Popularmusik hervorgebracht hat. Wenn Krug sang – ob Scat-Gesang, Liebesballade oder lässiger Blues –, schwang stets das Lebensgefühl einer Generation mit, die Sehnsucht nach Weite und Freiheit hatte.
Dass er auch ein brillanter, scharfzüngiger Beobachter seiner Umwelt war, bewies er nicht nur mit Abgehauen, sondern auch in seinen postum veröffentlichten Tagebüchern. Seine ungeschminkten, bisweilen schonungslosen Aufzeichnungen zeigen den Menschen hinter dem Star: reflektiert, verletzlich, oft einsam, aber von einer entwaffnenden Wahrhaftigkeit.
Manfred Krug war eine Jahrhundertfigur mit Kanten, Rückgrat und Haltung. Einer, der sich nicht verbiegen ließ – weder im Osten noch im Westen. Er fehlt.
Jetzt seid ihr gefragt: Welche Erinnerung verbindet ihr als Erstes mit Manfred Krug? War es der König Drosselbart, Hannes Balla, seine Musik mit Günther Fischer oder spätere Rollen wie Robert Liebling? Schreibt es mir gern in die Kommentare!
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📚 Daten & Bildhinweise
Anlass: 10. Todestag von Manfred Krug (21. Oktober 2016 – 21. Oktober 2026)
Grafische Elemente:
Lebensdaten-Tafel (Quelle: hr1; bezogen von Facebook)
Zitatgrafik (Quelle: Kultur im Osten; bezogen von Facebook)
Wichtige Stationen im Text: König Drosselbart (1965), Spur der Steine (1966), Biermann-Petition (1976), Veröffentlichung Abgehauen (1996) sowie die postum edierten Tagebüchern




